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Farbige Buchschnitte; Must-have?




Als Leserin würde ich bei dieser Frage sofort schulterzuckend abwinken.

Interessiert mich nicht, brauche ich nicht.


Es gibt genau zwei Bücher, von denen ich einen Farbschnitt besitze und ich bin mir sicher, niemand würde erraten, welche es sind.

Der Form halber: Es sind die unendliche Geschichte und der Herr der Ringe.


So und jetzt? Artikel vorbei?

Leider nein, denn als Autorin muss ich das ganze viel differenzierter betrachten. Eine Buchveröffentlichung bedeutet nämlich nicht nur, einen vernünftigen Text zu schreiben und ein Cover draufzuklatschen. Da spielen heutzutage so unendlich viele Faktoren eine Rolle.

Und schon geht das Gedankenkarussell los.


Sagt es etwas über die Wertigkeit meines Buches aus, wenn ich keinen Farbschnitt bekomme?

Never judge a book by its cover.

Trotzdem machen wir es.

Wir lesen das Buch wegen der Geschichte, aber ein paar Illustrationen und ein standardmäßiger Buchschnitt müssen schon drin sein?

Wir wollen nicht, dass die Preise steigen, aber Extras hätten wir schon gern?

Die größte Bloggerbox, der coolste Trailer. Müssen (vor allem Indie-)Autor*innen halt zusehen, wie sie das leisten, wenn sie mit den ganz großen mithalten wollen.




Aber zurück zu den Farbschnitten:


Vor einiger Zeit waren die noch eine Rarität, eine Besonderheit.

Und ja, ich verstehe wirklich, dass lesen und Büchersammeln für viele in der Buchcommunity einfach ein geliebtes Hobby ist.

Erstausgaben werden zu Sammlerobjekten, Sonderausgaben zum Heiligen Gral.

Als Lesende scrolle ich weiter und lese weiter nach meinen eigenen Standards.

Als Autorin macht mir diese Entwicklung Angst.

Weil sie einen weiteren Punkt auf der endlos langen Liste darstellen, die darüber entscheidet, ob mein Buch eine Chance auf Erfolg hat oder nicht.


Denn seien wir ehrlich, wie muss sich das anfühlen, wenn man sich endlich durch alle Widrigkeiten gekämpft hat, endlich so weit ist, dass man veröffentlicht … um dann abgestraft zu werden für eine Sache, die nichts, absolut nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat?


Aktuell sprießen Farbschnitte wie Pilze aus dem Boden. Ein Alleinstellungsmerkmal, eine Besonderheit sind sie schon lange nicht mehr. Ich frage mich, was dann das Nächste ist. Wenn alle Autor*innen diesen Wahnsinn mitmachen und irgendwann alle Bücher Farbschnitte haben, womit sticht man dann heraus?

Mittlerweile gibt es genügend Alternativen. Seitenoverlays, Lesezeichen, Charakterkarten und vieles mehr.

Muss ich das bald auch noch alles bedienen?

Werden wir den Punkt erreichen, an dem das von den Lesenden regelrecht erwartet wird?

Wo fängt man an und wo hört man auf?



Noch extremer ist es, wenn es Bücher nur in der ersten Auflage mit Farbschnitt gibt.

Bestellt schnell, wenn ihr den Farbschnitt haben wollt … oder kauft ihn später überteuert Second Hand. Eure Entscheidung. Psychologische Kriegsführung par excellence.

Marketingtechnisch kann man den Verlagen da nur ein High-Five geben, aus Konsument*innensicht eine Katastrophe.


Klar, die Branche ist angeschlagen. Man muss sehen, wo man bleibt. Spätestens seit Corona sind die Auswirkungen deutlich zu spüren. Das hier soll auch weiß Gott kein Vorwurf sein, denn im Grunde sitzen wir alle im selben Boot. Im wir-wollen-starke-Verlage-und-richtig-gute-Bücher-Boot.

Ich frage mich nur, ob hier der Hebel an der richtigen Stelle angesetzt wird.


Die Buchbranche lebt von Hypes, das ist mir auch klar.


Aber manchmal gerät das irgendwie … ein bisschen außer Kontrolle. Und das betrifft ja nicht mal nur die Farbschnitte. Das zieht sich bei so vielen Themen durch, dass es den Rahmen an der Stelle total sprengen würde. Auf der einen Seite sind solche Einschätzungen natürlich ziemlich subjektiv.

Auf der anderen Seite: Ich kenne so viele Bücher, die einen Hype wert wären. Weil sie eine klare Botschaft haben. Weil sie stark und laut sind. Modern. Weil sie berühren. Und zwar nicht meine optische Ästhetik, sondern mein Herz.


Ich weiß nicht, ob es mir nur so vorkommt, aber im Moment finde ich es auffällig, wie sehr der Fokus auf der Aufmachung eines Buches liegt.

In einer Zeit, in der sich alles um das äußere Erscheinungsbild dreht und Filter die sozialen Medien regieren, fangen wir auch noch an, unsere Geschichten, unsere Stimme, ebenfalls auf ihre Optik zu reduzieren? Echt jetzt?

Warum macht man das überhaupt? Als ultimatives Verkaufsargument? Weil Menschen eine Affinität zu schönen Dingen haben?

Schaut mal hier, Buch xy bekommt einen bezaubernden Farbschnitt. Den müsst ihr unbedingt haben. Jetzt sofort.

Ich hoffe nicht.


Das Verkaufsargument für Bücher sollten die Bücher selbst sein.

Die Inhalte, die Themen. Das, was wir Schreibenden der Welt zu sagen haben.


Vielleicht bin ich auch zu idealistisch. Vielleicht romantisiere ich die Buchwelt zu sehr, um zu verstehen, wie die Uhren im Moment ticken.

Und vielleicht will ich damit auch gar nicht aufhören.

Weil ich nach wie vor daran glaube, dass wir alle hier sind, um die Geschichten zu feiern.

Um mitzufiebern, uns zu verlieben und in neue Welten abzutauchen.


Und soll ich mal ein Geheimnis verraten?

Das Cover siehst du nicht, wenn du das Buch aufklappst.

Die Charaktere? Hast du im Kopf.

Der Farbschnitt? Verschwindet, wenn du das Buch ins Regal stellst.

Aber das Herzblut, das spürst du. In jeder Zeile und in jedem Wort.

Die Message? Die vergisst du nie.

Und das ist doch, warum wir wirklich lesen, oder?


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